Dr. Klaus Moosmayer, Good Governance in unruhigen Zeiten
Shownotes
Kontrollmechanismen oder Kontrollillusion? Herausforderungen und Perspektiven moderner Corporate Governance.
Neue Anforderungen an Governance Die Anforderungen an Good Governance haben sich grundlegend verändert. Klassische Regelwerke greifen laut Dr. Klaus Moosmayer zu kurz. Entscheidend ist heute nicht die Menge an Vorschriften, sondern deren Qualität und Wirksamkeit. Gefragt sind intelligente, praxisnahe Regelwerke, die echten Mehrwert schaffen – im Sinne des OECD-Leitgedankens „Better policies for better lives“.
Moderne Governance endet nicht bei internen Kontrollen. Sie umfasst den aktiven Dialog mit Stakeholdern sowie den transparenten Umgang mit gesellschaftlichen und ethischen Fragestellungen. Erst dieses erweiterte Verständnis ermöglicht nachhaltige Steuerung.
Regulatorische Komplexität als Belastungsprobe Die wachsende Dichte und Überlagerung regulatorischer Anforderungen stellt Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Besonders kleine und mittlere Unternehmen stoßen hier an ihre Grenzen. Widersprüchliche EU-Vorgaben – etwa im Bereich Cyber-Resilienz – erschweren eine konsistente Umsetzung zusätzlich.
Verschärft wird die Situation durch sogenanntes „Gold Plating“, also nationale Zusatzanforderungen über EU-Regeln hinaus. Das Ergebnis: steigende Komplexität, hoher Ressourcenaufwand und eine erschwerte Gesamtsteuerung.
Silodenken als strukturelles Risiko In vielen Unternehmen sind Governance-, Risiko- und Compliance-Funktionen voneinander getrennt organisiert. Diese Fragmentierung führt zu Ineffizienzen und erhöht das Risiko, dass kritische Themen an Schnittstellen verloren gehen.
Ein Lösungsansatz liegt in „Integrated Assurance“. Durch die enge Verzahnung von Risiko-, Compliance-, Kontroll- und Revisionsfunktionen lassen sich Doppelarbeiten reduzieren, Prozesse beschleunigen und Risiken ganzheitlicher steuern – ein klarer Vorteil, insbesondere bei begrenzten Ressourcen.
Verantwortung beginnt in der Linie Die Wirksamkeit von Governance entscheidet sich im operativen Geschäft. Die sogenannte „First Line of Defence“ trägt die zentrale Verantwortung dafür, wie Risiken und Zielkonflikte tatsächlich gehandhabt werden.
Second- und Third-Line-Funktionen können unterstützen – aber nicht ersetzen, was Führungskräfte im Alltag vorleben müssen. Entscheidend ist eine Unternehmenskultur, die Offenheit fördert und psychologische Sicherheit schafft. Mitarbeitende müssen Themen ansprechen können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Die Qualität von Dialogen und Meetings wird damit zum echten Gradmesser funktionierender Governance.
Aufsichtsrat im Wandel Auch die Rolle des Aufsichtsrats verändert sich. Statt reiner Kontrolle ist zunehmend strategische Begleitung gefragt. Ein konstruktiver Austausch mit dem Vorstand – unter Einbindung zentraler Funktionen wie Compliance – wird zum Erfolgsfaktor.
Gleichzeitig gewinnt die Vielfalt der Kompetenzen im Aufsichtsrat an Bedeutung: Neben fachlicher Expertise sind insbesondere Perspektiven zu Ethik, Governance und gesellschaftlicher Verantwortung gefragt.
Woran gute Governance erkennbar ist Wirksame Governance zeigt sich nicht in Dokumenten, sondern im Verhalten. Unternehmen, die auch in Krisenzeiten an ihren Werten festhalten und diese weiterentwickeln, verfügen über eine belastbare Steuerungsbasis.
Weitere Indikatoren sind:
- Ein offener, kritischer Dialog zwischen Vorstand und Aufsichtsrat
- Die aktive Nutzung von Mitarbeiterfeedback zur Weiterentwicklung von Governance-Strukturen
- Eine Governance, die tatsächlich gelebt wird – nicht nur formal existiert
Fazit: Governance braucht Haltung - Corporate Governance ist heute weit mehr als Regelbefolgung. Sie erfordert einen integrierten Ansatz, der Kontrolle, Kultur und Verantwortung verbindet.
Unternehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, müssen Governance als dynamisches System verstehen: geprägt von Dialog, gesellschaftlicher Einbindung und klarer Werteorientierung. Nur so entsteht echte Steuerungsfähigkeit – und keine bloße Kontrollillusion.
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